Wachstum

LOCKDOWN-PSYCHE AUF DEM NULLPUNKT

So jäh wie niemals zuvor ist die deutsche Wirtschaft von dem Corona-Virus in die Tiefe gestürzt worden. Über 10 Millionen Arbeitnehmer sind auf Kurzarbeit und müssen zum Teil empfindliche Einkommenseinbußen hinnehmen. Die Zahl der Arbeitslosen nähert sich der Marke von 3 Millionen. Vieles deutet darauf hin, dass es schon bald wesentlich mehr sein werden. Eine Reihe von Firmen hat bereits Entlassungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angekündigt. Jene in Kurzarbeit hoffen, dass sie über diese Brücke wieder in ihren Job zurückfinden, nicht wenige fürchten jedoch, dass dieser Zwischenstation die Arbeitslosigkeit folgen wird.

Minus von über 300 Mrd. €

Der wirtschaftliche Einbruch ist so gewaltig, dass einige Branchen nahezu keine Aufträge mehr erhielten und auf Null-Umsätze zurückfielen, während zum Teil hohe Fixkosten weiterliefen. Das Bruttoinlandsprodukt, die Summe aller erzeugten Güter und erbrachten Dienstleistungen, könnte in diesem Jahr insgesamt um bis zu 10 % gegenüber 2019 zurückfallen. Das macht ein Minus von weit über 300 Mrd. € aus und bedeutet, dass diese Milliarden für die Verteilung nicht zur Verfügung stehen werden – weder für die Arbeitnehmereinkommen noch für Unternehmenserträge, um neue Investitionen zu finanzieren; zudem reißen sie große Löcher in die öffentlichen Kassen und Sozialsysteme, obwohl diese gerade jetzt in Zeiten der Corona-Krise besonders hohe Ausgaben zu schultern haben.

Miese Stimmung wie nie zuvor

Die Stimmung der meisten Firmen und Verbraucher ist so mies wie seit langem nicht mehr. Psychologisch wurden Investoren und Konsumenten von dem harten Lockdown empfindlich getroffen. Wenn nun auch erste Lockerungen eingetreten sind, die frühere Lebensfreude ist kaum wieder da, denn das Momentum der großen Unsicherheit ist nach wie vor beherrschend. Viele wissen in der Tat nicht, wie es weitergehen soll und wird. Noch kann niemand den Sieg über das Corona-Virus vermelden. Ob und wann ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen wird, ist unsicher, obwohl viele Firmen der forschenden Pharmaindustrie mit hohen Einsätzen von Experten und Investitionen an der Arbeit sind. Bis zur medizinischen Immunisierung müssen die Menschen Schutzmasken tragen, Abstand halten und auf größere Veranstaltungen verzichten. Gebannt blicken sie immer noch auf die täglichen Meldungen von Neuinfektionen und Sterbefällen, vor allem auf den R-Faktor.

Psychologie: 50 % der Konjunktur

Diese Angst sitzt tief, jedenfalls tiefer als bei früheren Krisen. Die Gefühle der Mehrzahl der Menschen werden deshalb insbesondere von Vorsicht und Zurückhaltung bestimmt. Der Weg zurück in die Normalität, zum seelischen Gleichgewicht, zu neuer Lebensfreude und Dynamik wird außerordentlich schwierig. Deshalb steht die Politik vor der größten Herausforderung, nämlich Vertrauen in breiten Schichten der Bevölkerung zu schaffen. Alle Maßnahmen, die nun die Bundesregierung zur Stabilisierung und Stimulierung der Wirtschaft beschließen wird, werden nur die „halbe Miete“ sein – ganz gleich ob das Volumen bei 80 oder 100 Mrd. € oder noch darüber liegen wird. Die andere Hälfte ist Psychologie, denn es kommt letztlich nicht nur darauf an, was ist, sondern wie es auf die Menschen wirkt.

Staatliche Mutmacher gefordert

Die Großen und Starken sowie Lauten in Wirtschaft und Gesellschaft sollten deshalb nicht die größten Teile des Konjunkturpakets erhalten. Vielmehr muss den vielen Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, den sozial Schwächeren und den Gruppen ohne lautstarke Lobby in erster Linie mit den staatlichen Hilfen Mut gemacht werden. Wenn der private Konsum nicht schnell anspringt, könnte es bei den anderen Antriebsaggregaten unserer Volkswirtschaft auch zu einer Fehlzündung kommen. Denn der Exportmotor wird angesichts der Corona-Krise in unseren europäischen Nachbarländern und in anderen Regionen der Weltwirtschaft zunächst nicht auf Touren kommen. Auch in der EU muss jetzt die Solidarität mit den am stärksten von der Krise getroffenen Partnern die höchste Priorität einnehmen. Deutschland und Frankreich, Merkel und Macron, gehen mutig voran. Sie sollten sich von den „vier Geizigen“ nicht bremsen lassen, da sonst die europäische Wertegemeinschaft zu einem „Muster ohne Wert“ degenerieren würde.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Nico Wall, Pixabay License

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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