Corona und Solidarität

Die Wiederentdeckung der Solidarität

Eine Globalisierung, die allein wirtschaftlichen Interessen dient und die politische Dimension vernachlässigt, gehört dringend auf den Prüfstand. Drastischer und plastischer als viele andere globale Krisen – seien es ökologische oder sozioökonomische – legt die Corona-Pandemie die schwerwiegenden Versäumnisse und ihre weitreichenden Risiken offen. In Krisenzeiten muss die Politik handlungsfähig sein. Doch der entfesselte Kapitalismus behindert sie in einem unverantwortlichen Ausmaß.

Jeder kämpft für sich allein. Das niederträchtigste Beispiel für nationalistischen Egoismus hat US-Präsident Donald Trump mit seinem Versuch abgeliefert, das Tübinger Pharma-Unternehmen CureVac abzuwerben und sich Exklusivrechte auf einen zu entwickelnden Impfstoff zu sichern. Das, nachdem er mit dem Kleinreden der Pandemie nicht mehr durchkam und auch die Sündenbock-Taktik gegenüber Europa nicht verfing.

Trump hat Angst um seine Wiederwahl. Die machen ihm weniger die oppositionellen Demokraten schwer, als vielmehr sein offenkundiges Versagen als Krisenmanager. Mit seinem „America First“ hat er den nationalen Egoismus zum Programm erhoben und der eigenen Wirtschaft massive Wettbewerbsvorteile verschafft. In Krisenzeiten jedoch zeigt sich, dass eine globalisierte Welt eine andere Politik braucht. Eine, die zuallererst den Menschen dient und nicht den Märkten; eine, in der das Gemeinwohl aller vor dem Privatwohl weniger steht.

Solidarität, Rücksicht und Verantwortung sind zentrale Begriffe in den wichtigen und richtigen Appellen an die Bevölkerung. Diese Werte sind in den Zeiten von Turbokapitalismus und Neoliberalismus unter die Räder gekommen. An ihre Stelle traten Ellbogen und Egoismus, um Konsum und Wachstumswahn anzuheizen, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, soziale Spaltung, Anpassung der Menschen an die Märkte und so weiter.

Sind die Menschen zu Mitgefühl und Verzicht in der Lage, nachdem es ihnen über Jahrzehnte ausgetrieben wurde? Lassen sie Vernunft walten, während die politischen Entscheidungsträger auf egoistische Abschottung und nationalistische Alleingänge setzen?

Die Hamsterkäufe im Kleinen zeugen von Angst, und die Medien befeuern die Panik um der Quote und Klickzahlen willen. Diese Angst nährt sich auch daraus, dass die Vereinzelung in User-Massen das Leben in Gemeinschaft verdrängt hat. Der Schutz durch den Zusammenhalt in der Gesellschaft ist keine Gewissheit mehr, wie es schon lange nicht mehr selbstverständlich ist, dass die Schwachen und Schutzbedürftigen wirklich Hilfe bekommen.

Die Gesellschaft kann an der Corona-Krise auch wachsen, meint etwa die Sozialpsychologin Prof. Dr. Elisabeth Kals von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie setzt auf ein Klima der Solidarität, einen reflektierten Medienkonsum und darauf, dass wir unser Handeln an sozialer Verantwortung und Gerechtigkeit ausrichten.

Das sind Maßstäbe, die auch für das politische Handeln wünschenswert sind, für ein Gesundheitswesen zum Beispiel, das Menschen nicht in erste und zweite Klasse einteilt, das Behandlungen nicht nach Kassenlage anpasst und unter permanenter Mangelausstattung leidet. Auch für ein Europa, das mit dem Prinzip der Gemeinschaft auf allen Ebenen ernst macht und Lasten gemeinsam schultert. Nicht zuletzt für die eine Welt, die ihre Politik der gemeinsamen Verantwortung ausbaut und festigt.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann(geralt), Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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