Screenshot Rheinische Post Online 2.11.2020

Fragen an Merkel und Trump

In diesen Tagen – erster Tag des „Lockdown light“ in Deutschland, letzter Tag vor den Wahlen in den USA – sind politisch sensible Menschen leicht nervös. Zeitungen werden intensiver gelesen, in den elektronischen Medien drehen sich die Nachrichten und erst Recht die Nachrichtensender fast nur um diese beiden Themen, die Push-Nachrichten auf dem Handy auch. Diskussionen am Küchentisch kommen immer wieder darauf zurück, selbst wenn man lieber über anderes sprechen würde. Bei beiden Themen ist viel Vorwissen nötig, weshalb wohl die allermeisten Menschen mehr Fragen denn Antworten haben, selbst wenn sie es nicht immer zugeben wollen.

In dieser Situation hat mich eine Eilmeldung meiner Lokalzeitung in ihrem Online-Portal überrascht: „Merkel stellt sich Fragen zum Lockdown light“. Ich hatte bis dahin gedacht, wenn sich jemand stringent und überzeugt gezeigt hat von dem, was zu tun ist, dann unsere Bundeskanzlerin. Und jetzt stellt sie sich, wie wir alle, Fragen? Mein erster Impuls: Das tut gut. Das liegt auf der Linie von Jens Spahn, der am Beginn der ersten Corona-Welle sinngemäß den zentralen Satz geäußert hat, dass wir uns später viel verzeihen müssen.

Es täte übrigens auch gut, wenn die US-Wahlen mit einer klaren Abwahl des jetzigen Präsidenten enden, denn der Mann stellt sich keine Fragen. Auf CNN erfährt man, dass überall dort, wo Trump in den letzten Tagen seine Auftritte vor begeisterten Anhängern hatte, die Infektionszahlen anschließend deutlich in die Höhe gingen. Er müsste sich fragen, was es für eine Strategie sein soll, der Kritik am eigenen Umgang mit COVID-19 derartig skrupellos weitere Nahrung zu geben. Oder agiert er nur noch wie ein angeschlagener Boxer, der nicht mehr aus seiner Ecke herauskommt?

Die Antwort auf diese Frage ist heute noch offen, aber hoffentlich in zwei Tagen nicht mehr. Antworten auf Fragen, die sich Angela Merkel stellt, werden wohl nicht öffentlich kommuniziert. Wohl aber Antworten auf Fragen, denen sich die Bundeskanzlerin stellt. Denn meine Lokalzeitung wollte mich mit ihrer Eilmeldung lediglich darauf aufmerksam machen, dass sich Frau Merkel den Fragen der Journalisten in der Bundespressekonferenz stellen werde. Das habe ich mir dann auch angesehen und zwar einige Fragen beantwortet bekommen – aber viel lieber wäre mir gewesen, wenn ich gehört hätte, welche Fragen sie sich selber stellt. Andererseits wäre das wohl auch nicht gut und vernünftig gewesen. Oder?

Bildquelle: Rheinische Post Online, 2.11.2020

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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